Was du in diesem Land überhaupt nicht kannst, ist unvorbereitet sein. Es vergeht wirklich keine Minute, in der nicht schon das nächste Fotomotiv wartet. So auch heute Morgen. Überall war Bewegung. Weißbartlanguren saßen hoch oben in den großen Tulpenbäumen, während die frechen Ceylon-Hutaffen über unser Dach, den Balkon und die Stromleitungen turnten. Ein Mungo rannte plötzlich durch den Garten und immer wieder tauchten in den Baumkronen seltene, von uns zuvor noch nie gesehene Vögel auf. Kaum hatte man die Kamera weggelegt, passierte schon wieder das Nächste.
Wir genossen noch ein letztes Mal mit diesem wundervollen Frühstück mit der grandiosen Aussicht auf den Ella Rock. Neujahr ist in Sri Lanka ein großes Ding. Man startet es mit typisch sri-lankische Süßigkeiten aus Palmzucker. Sie stehen als Symbol für das, was das neue Jahr bringen soll: Wohlstand, Harmonie und Glück.
Die Süßigkeiten waren nicht unser einziges Geschenk an diesem Morgen. Die Besitzerin der Unterkunft verabschiedete uns persönlich und drückte uns zwei kleine Tütchen mit Sri-Lanka-Souvenirs in die Hand. Wir glauben, wenn jemand bewusst zurückkommt, ist das für sie die größte Geste.
Es war ein verrückter Morgen. Im nahegelegenen Tempel war die Hölle los. Baustellenfahrzeuge hielten an, um kurz zu beten, selbst ein Busfahrer parkte seinen Bus mitten in einer Kurve, nur um schnell ein Gebet loszuwerden. Auf dem Weg zum Bahnhof randalierten die Affen wieder entlang der Stromleitungen.
Normalerweise wären wir heute rund fünf Stunden mit dem Zug von Ella nach Kandy gefahren. Die umgekehrte Richtung gilt als absolute Haupttouristenroute durch die Teefelder. Für manche wahrscheinlich der einzige Grund, überhaupt nach Sri Lanka zu kommen. Nicht, um die Zugfahrt zu genießen, die bis auf knapp 1.900 Meter Höhe führt, sondern um Fotos für Instagram zu machen.
Da diese Strecke aber eben auch eine wichtige Einnahmequelle für das Land ist, hat man es geschafft, nach dem Zyklon in Windeseile zumindest ein Teilstück der Strecke wiederherzustellen. Vor sieben Jahren saßen wir zusammen unter Einheimischen mit baumelnden Beinen in den offenen Türen, und bei jedem Tunnel ging ein riesiger Aufschrei durch den Zug. Wir kauften Nüsse, Chai-Tee und Samosas. Es war ein echtes Erlebnis, während Teefelder, Hochlandnebel und Affen an einem vorbeizogen.
Heute wollten wir uns genau dieses Gefühl zurückholen und kauften ein Ticket für eine zweistündige Zugfahrt. Aber nichts ist mehr so, wie es einmal war. Manchmal sollte man Dinge eben doch nur ein einziges Mal im Leben machen. Doch eines ist geblieben: Die Zugverkäufer sind noch da, die Samosas schmecken, die Nüsse sind würzig und der Tee ist ausgezeichnet.
Schon am Bahnsteig war zu erahnen, welches Schauspiel uns in den nächsten zwei Stunden erwarten würde. Dort standen Menschen in Kleidern, die ich nicht einmal in meinem Schrank hängen habe, mit frisch ondulierten Haaren und lackierten Fußnägeln, und schauten sich die neuesten Zug TikTok-Videos an. Offenbar als Anleitung, wie man sich eine halbe Stunde später in dieser Landschaft perfekt selbst inszenieren kann.
Vor Kurzem ist das einer Touristin nicht gut bekommen, als sie sich aus dem Zug lehnte, während dieser gerade in einen Tunnel einfuhr. Verletzungen sind hier leider keine Seltenheit. Auch bei nur etwa 35 km/h reicht es aus, um sich ernsthaft zu verletzen und alle Knochen zu brechen. Sri Lanka reagiert darauf inzwischen mit Vorsichtsmaßnahmen, viele Zugtüren sind mittlerweile verschlossen.
Da fährst du also hierher, nur um dieses eine Bild zu bekommen, eines von Millionen, die längst durchs Internet geistern und dadurch eigentlich nichts Besonderes mehr sind. Aber genau von diesen Social-Media-Spots hat Sri Lanka eben sehr viele. Und genau das zieht diese Art von Tourismus an.
Das Perfide daran wurde uns in diesem Moment besonders bewusst. Während wir unseren Chai-Tee schlürften und die Landschaft genossen, hingen aus den Zugtüren immer wieder weiße Körper heraus, auf der Jagd nach dem perfekten Foto. Unten, entlang der Gleise, liefen Menschen aus dem Hochland, die hier leben, von ein bisschen Landwirtschaft, oft in sehr einfachen Verhältnissen, teils in Wellblechhütten. Zwei Welten auf wenigen Metern Abstand und beide bewegen sich durch dieselbe Landschaft, aber aus völlig unterschiedlichen Gründen.
In der nächstgrößeren Stadt Haputale hatte das Schauspiel dann so gut wie ein Ende. Daran konnte man deutlich sehen, dass die Zugfahrt selbst gar nicht der Grund war, dieses Ticket zu kaufen, sondern wirklich nur die Fotos. Alle stiegen wieder zu irgendeinem Fahrer und ließen sich zurück nach Ella bringen.
Aber genau jetzt begann der schönste Teil der Strecke. Der Zug quälte sich bis auf knapp 1.900 Meter Höhe hinauf und verschwand immer wieder im Nebel. Durch die vielen Kurven hatte man ständig neue Ausblicke und konnte wunderschöne Bilder vom Zug selbst in dieser düsteren, mystischen Landschaft machen. Nach zwei Stunden Rattern, Quietschen und winkenden Kindern kamen wir in Ambewela an. Dort wartete schon Tharuka auf uns, der uns nun nach Kandy bringen würde.
Die Strecke von Ambewela Richtung Kandy war wieder eine ganz eigene Welt. Weite Hochebenen, grüne Weiden, überall Kühe, kleine Farmen und vereinzelte Gehöfte. Es wirkte fast schon europäisch. Die Luft war spürbar kühler mit 16 °C und immer wieder öffneten sich weite Blicke über das Hochland. Es sieht schon ziemlich witzig aus, wenn die Männer in ihren traditionellen Röcken unterwegs sind, darüber ein Karohemd tragen und dazu eine Pudelmütze aufhaben.
Und dann Nuwara Eliya. Eine Stadt, die sich anfühlt, als wäre sie aus einem anderen Land hierher verpflanzt worden. Koloniale Häuser, gepflegte Gärten, englische Fassaden, dazu Nebel, Kälte und Teeplantagen ringsherum. Überall stehen Pferde, denn hier gibt es eine lange Tradition mit Pferderennen. „Little England“ nennen sie es und genau so wirkt es auch.
Im Hochland zeigt sich Sri Lanka noch einmal von einer ganz anderen Seite. Diese Region ist stark von Tamilen geprägt, vor allem von den Nachfahren jener Arbeiter, die während der britischen Kolonialzeit aus Südindien hierhergebracht wurden, um auf den Teeplantagen zu arbeiten. Viele leben bis heute rund um die Plantagen, oft in sehr einfachen Siedlungen. Außerhalb von Nuwara Eliya wirkt vieles ärmlich.
Die Gegend rund um Nuwara Eliya gehört auch zu den Regionen, die zuletzt besonders stark von Zyklon Ditwah betroffen waren. Ende November, also vor wenigen Wochen, zog dieser Zyklon mit extremen Regenfällen über das Hochland hinweg. Die Folgen sind bis heute sichtbar.
Überall sieht man abgerutschte Hänge, zerstörte Straßen, weggerissene einfache Häuser, zerborstete Verkaufsstände und Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Gerade außerhalb der Stadt wird deutlich, wie verletzlich diese Region ist und wie hart solche Naturereignisse vor allem jene treffen, die ohnehin schon mit sehr wenig leben. Der Zyklon hat im wahrsten Sinne eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.
Im Nachhinein wirkt die Zugfahrt fast schon zynisch, wenn man sieht, dass viele Menschen während des Zyklons ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben und die Teilstrecke wahrscheinlich nur wegen der Touristen so schnell eröffnet wurde. Dieser Kontrast bleibt hängen und fühlt sich schwer auszuhalten an.
Der 1. Januar scheint in Sri Lanka ein ziemlich großer Tag zu sein. Selbst die Busse waren mit Luftballons geschmückt. Je näher wir Kandy kamen, desto mehr versackten wir im Stau. Dabei waren es eigentlich nur rund 100 Kilometer für die wir fast drei Stunden brauchten. Zum Vergleich: Der Shinkansen in Japan würde diese Strecke in etwa 15 Minuten zurücklegen. In Sri Lanka reist man eben im absoluten Schneckentempo.
So überfüllt hatten wir die Stadt nicht in Erinnerung. Es war einfach irre, wie viele Menschen unterwegs waren. Wir hoffen, dass es am Feiertag lag. Das Besondere: fast alle waren weiß gekleidet, auf dem Weg zum großen Buddha-Zahntempel, einem der heiligsten Orte des Buddhismus.
Irgendwann baten wir den Fahrer, uns einfach rauszulassen und den letzten Weg zu Fuß zu gehen. Wir kamen wirklich keinen Meter mehr vorwärts. Also kämpften wir uns durch das Chaos rund um den Zentralmarkt und suchten unsere kleine Lodge hoch über dem See. Dort oben herrschte plötzlich eine wundervolle Ruhe. Gegenüber, am anderen Ufer, liegt der Zahntempel, von dem immer wieder Trommelklänge zu uns herüberhallten.
Wir warfen unsere Klamotten ab und mussten zusehen, noch vor dem Regen loszukommen. Unser Ziel war es, den Kandy Lake zu umrunden. Seine Vogelwelt ist einmalig und der See fühlte sich noch genauso an wie damals.
Überall flattert und zwitschert es. Pelikane treiben auf dem Wasser, Kormorane sitzen dicht an dicht auf Ästen, verschiedene Reiherarten stehen reglos am Ufer. Dazwischen Enten, Papageien, Eisvögel und Kingfisher, die pfeilschnell über die Oberfläche schießen.
Am Zahntempel konnte man sich zwischen all den weiß gekleideten Menschen, die ihre Opfergaben in Form von Blumen zum Tempel trugen, kaum noch bewegen. Es war unglaublich voll. Also schauten wir uns ein wenig in der Umgebung um.
Wir hätten allerdings besser nicht den kleinen Weg direkt am Tempel entlang nehmen sollen. Schon nach wenigen Metern fragten wir uns, was hier so streng riecht. Dann sahen wir sie: zwei Elefanten, angekettet, ohne auch nur einen Meter Platz, um sich zu bewegen. Das Einzige, was ihnen blieb, war ein Ballen Heu.
Es ist ein grauenvolles Leben, das diese Tempel-Elefanten führen. Entweder stehen sie angekettet an abgelegenen Orten oder werden geschmückt und durch menschengefüllte Straßen zu Prozessionen getrieben. Um sie unter Kontrolle zu halten, kommt dabei immer wieder der Haken zum Einsatz. Ein Anblick, der schwer auszuhalten ist.
Wir suchten uns etwas zu essen und landeten auf einem kleinen Balkon über einer wuseligen Straße. Es ist schon verrückt: Rechts von uns steht eine katholische Kirche, geradeaus gibt der Blick das Minarett der roten Moschee frei und links um die Ecke hört man die Gesänge aus einem hinduistischen Tempel. Kandy ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen alles auf kleinstem Raum, gleichzeitig und nebeneinander.
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| alles voller Reiher |
































































