Freitag, 10. April 2026

Aserbaidschan - von Ziegen und Lamborghinis …


Bereits am frühen Morgen ist die Stadt unruhig, aber nicht durch Menschen, die von Partys kommen oder zur Arbeit gehen, sondern durch diejenigen, die schon seit Stunden die Straßen und Gehwege kehren. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Arbeiter hier für die Instandhaltung unterwegs sind. Gekehrt wird übrigens mit einfachen, zusammengebundenen Zweigen, die an einem Stiel befestigt sind und jeder scheint sein festes Gebiet zu haben, das er sauber hält.




Heute gingen wir auf Tour und haben uns bei einem Online-Anbieter eine lokale Führung gebucht, um noch mehr von Aserbaidschan zu sehen. Die Stadt war wie immer vollgestopft und die Menschen hier nutzen das gern als Ausrede, wenn sie zu spät kommen. Auch wir brauchten eine Weile, um verschiedene Leute aus ihren Hotels einzusammeln, bevor es runter an den Hafen ging, zur ersten Ölförderanlage Aserbaidschans. Das Öl wird aus über 600 Metern Tiefe mithilfe sogenannter Pumpjacks gefördert und bringt etwa zwei Tonnen pro Stunde. Das wirklich Sagenhafte daran: Diese Anlagen stehen mitten in der Stadt.



Wir zogen weiter zur Bibi-Heybat-Moschee, die direkt gegenüber eines riesigen, von der Erdölwirtschaft geprägten Küstenabschnitts liegt. Überall sieht man Anlagen, Rohre und Fördertechnik, kein klassischer Hafen, sondern eher eine Arbeitslandschaft rund ums Öl. Es gibt hier sogar eine Ölakademie, an der man Ölwissenschaft oder Ölologie, wie man fast sagen könnte, studieren kann. Verrückt!



Von außen wirken die Moscheen hier oft eher unscheinbar, in diesem typischen beigen Ton. Aber sobald man hineingeht, verändert sich alles: Diese hier ist innen komplett in Grün gehalten. Die Kuppel, das Dach, die Ornamente alles leuchtet in verschiedenen Grüntönen und macht sie wirklich einzigartig.



Auf der heutigen Fahrt sind wir immer wieder durch Überschwemmungsgebiete gekommen, vorbei an Hängen, die gesichert werden mussten und an Menschen, die ihre Häuser verloren haben. Es ist noch gar nicht lange her, dass es zwei Tage lang ununterbrochen geschüttet hat. Für Aserbaidschan ist Regen eher ungewöhnlich und kommt nicht besonders häufig vor. Entsprechend sind Drainagesysteme kaum vorhanden. Laut unserem Guide hat das für die Zivilbevölkerung enormen Schaden angerichtet.



Das ist aber nicht das Einzige, womit die Aserbaidschaner leben müssen. Seit 2020 sind die Landesgrenzen größtenteils geschlossen, ursprünglich wegen der Pandemie. Für Einheimische bedeutet das: rein und raus geht es praktisch nur noch per Flugzeug. Ausländer dürfen zwar über den Landweg ausreisen, aber nicht einreisen.



Früher gab es zum Beispiel eine Nachtzugverbindung von Baku nach Tbilisi. Die ist seitdem eingestellt. Offiziell wird das Ganze noch mit gesundheitlichen Gründen erklärt, aber vieles deutet darauf hin, dass es auch um Sicherheit und Kontrolle geht. Man merkt einfach, dass die Region politisch angespannt ist mit den Nachbarn Armenien und dem Iran. Grenzen sind hier nicht nur Linien auf der Karte, sondern etwas sehr Reales.



Nächster Stopp war der Pink Lake, der Masazır Salt Lake, der eine besonders hohe Salzkonzentration aufweist. Die enthaltenen Bakterien sorgen dafür, dass das Wasser in einem rosa Ton schimmert. Sogar eine Anlage zur Salzgewinnung gibt es hier. Auch dieser Ort wirkt irgendwie gruselig. Oft hatten wir das Gefühl, in einer Filmkulisse zu stehen. Alles ist grau in grau, die Häuser sehen alle gleich beige aus - trist und trostlos. Es gibt kaum Farben in dieser Region des Landes. Und dann dieser skurrile, pinke Bakterien-See mitten in einer kargen Steppenlandschaft.



Nach einem kurzen Stopp an einem lokalen Supermarkt, um uns etwas zu essen zu holen, ratterten wir über eine dreispurige, autobahnähnliche Straße raus aus Baku. Manchmal war „fliegen“ fast das bessere Wort dafür. Immer wieder musste der Fahrer abrupt abbremsen, um Bodenwellen und Löcher nicht mit voller Wucht mitzunehmen. Die einzigen wirklich guten Straßen gibt es wahrscheinlich nur an der Promenade in Baku. Teilweise liegen selbst in der Innenstadt die Pflastersteine nur noch lose auf dem Boden.



Unser nächstes Ziel war der Besh Barmag Mountain. Den musste man aber erst erklimmen. Zum Laufen viel zu weit, zum Fahren eigentlich viel zu gefährlich. Die gesamte Bergstraße war durch den starken Regen völlig zerfurcht, unterspült und hätte ganze Autos verschlingen können. Dass wir hier tatsächlich mit einem Toyota Hiace nach oben gekommen sind, grenzte bis zur Ankunft an ein Wunder bis wir plötzlich einen Reisebus sahen und uns fragten, ob der hierher gebeamt worden ist.



Die fünf Kilometer lange Auffahrt war wirklich spektakulär und führte durch eine wundervolle grüne Landschaft, in der wie Stecknadeln kleine, fast schon perfekte Bäume in Blüte standen. Der Blick ging weit übers Land, über Kuhherden, Pferdekoppeln, kleine, unscheinbare alte Moscheen und natürlich auf den Besh Barmag selbst, den „Fünf-Finger-Berg“, eine Felsformation, die hoch über dem Kaspischen Meer thront.



Der Besh Barmag Mountain ist ein Pilgerberg, auf dessen Spitze ein Gebetsraum direkt in den Felsen gehauen wurde. Der Aufstieg dahin ist anstrengend, über Leitern und durch Felsspalten kämpft man sich Stück für Stück nach oben. Und dann gelangst du auf diese Aussichtsplattform, die Geländer teilweise locker und die Bretter unter den Füßen wirken nicht gerade vertrauenswürdig. Und am Ende stehst du auf etwa 380 Metern Höhe und lässt den Blick weit über das Kaspische Meer und die wunderschöne, grüne Landschaft schweifen.



Nach dem Besh Barmag machten wir noch einen Stopp bei den Candy Cane Mountains. Diese Hügel sehen wirklich aus wie gemalt: rötliche, weiße und graue Streifen ziehen sich durch das Gestein, fast wie Zuckerstangen. Daher der Name. Dazwischen wirkt die Landschaft stellenweise wie eine kleine Wüste: aufgerissener, trockener Boden, der in der Sonne aufplatzt und in unregelmäßigen Mustern zerfällt.



Das Gebiet ist einfach frei zugänglich. Kein Zaun, kein Ticket, nichts – man läuft einfach los. Und genau da merkt man, wie ursprünglich das hier noch ist. Wenn man sich vorstellt, wie viele Touristen es in anderen Ländern gibt, wären diese Berge wahrscheinlich längst zertrampelt, mit Parkplätzen, Eintritt und Verkaufsständen zugebaut.



Hier gibt es das alles nicht. Der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen, und genau das ist das Schöne. Nichts wirkt überkommerzialisiert, nichts künstlich gemacht (außer in Baku). Man entdeckt einfach. Unser Guide hat uns ganz selbstverständlich gefragt, wie viele Länder wir schon bereist haben. Fast so, als wäre klar: Nach Aserbaidschan kommt man erst, wenn man den Rest der Welt schon gesehen hat. Und ein bisschen Recht hat er.



Es war ein sehr schöner Tag. Keine spektakulären Sehenswürdigkeiten, aber genau das, was Aserbaidschan ausmacht. Orte, die einem wieder einen echten Einblick in die Kultur und das Leben hier geben. Das, was man in Baku eigentlich nicht bekommt.



Nach einer kurzen Pause zogen wir wieder in die Altstadt zum Essen. Es ist verrückt, wie voll es hier ab Donnerstag wird. Man kann sich kaum noch bewegen. Überall Menschen, als wären sie auf dem Weg zur nächsten Party. Autos fahren bis spät in die Nacht mit aufgedrehter Stereoanlage und Kaukasusmusik durch die Straßen. Alles wirkt gleichzeitig hip und hektisch.



Auch in der Altstadt war ordentlich was los. Wir suchten wieder das Restaurant vom ersten Abend auf. Einfach, weil man dort richtig gut essen kann und es erstaunlich gemütlich ist. Und wieder einmal erlebten wir einen der skurrilsten Momente.



Vor dem Tisch sitzt immer ein Typ mit Computer, der wahrscheinlich die Abrechnung macht. Das Restaurant ist voll mit aserbaidschanischen und russischen Gästen. Das Essen wird vom gegenüberliegenden Haus geliefert, alles fein mit Folie abgedeckt. Am Eingang entsteht dadurch ein kleines Chaos, weil die Folie erst abgezogen und die Gerichte dann im Raum verteilt werden.



Aus irgendeiner Ecke ziehen Rauchschwaden nach oben. Rauchen ist hier eben doch noch ziemlich salonfähig. Wir knabbern an unserem Weinhühnchen, trinken Tee, und plötzlich schwebt ein brennender Topf, garniert mit Fleischstücken, an uns vorbei. Dann geht über uns das Partylicht an und der Typ, der eben noch am Computer saß, greift zum Mikrofon und singt aserbaidschanische Schnulzenlieder. Währenddessen stolpert der Kellner mit dem Feuertopf fast über das Mikrofonkabel. Ein herrlicher Moment.



Während Baku in der Dunkelheit aus allen Nähten platzte und die reiche Ölgesellschaft auf Party ging und dabei mit einem Lamborghini Revuelto vorfuhr, übrigens der erste Hybrid-Lamborghini mit einem Grundpreis von rund 500.000 Euro – verzogen wir uns in unser kleines Hotel zum Schlafen. Dachten wir zumindest.Die Rechnung hatten wir allerdings ohne die Stereoanlagen und die laute Kaukasusmusik gemacht.  




Baku ist wirklich ein irres Kontrastprogramm zu den Gebieten, durch die wir heute gefahren sind. Dort, wo die Menschen, wenn überhaupt, eine Ziege besitzen. Die Hauptstadt wirkt in dessen wie ein poliertes Disneyland.