Freitag, 10. April 2026

Tatort U-Bahn Baku …



Am letzten Tag zeigte sich Baku noch einmal von seiner schönsten Seite - zumindest, was das Wetter angeht. Wir konnten sogar draußen frühstücken. Die Kälte und den Wind hier werden wir definitiv nicht vermissen. Es war bereits ziemlich geschäftig. Freitag ist für Muslime quasi wie bei uns der Sonntag. In den schicken Cafés rund um die prunkvollen Plätze saßen schon die Rich Kids der High Society.



Für uns ging es erst einmal in den Abgrund, also in die Metro. Es ist immer wieder ein bisschen gruselig, in Ländern des Ostblocks in den Untergrund abzutauchen, gefühlt über kilometerlange Rolltreppen tief nach unten. Nebenbei wirst du von aserbaidschanischer Musik beschallt. Auch die U-Bahnen wirken mit ihrem fliederfarbenen Ton ziemlich nostalgisch. Die Stationen erinnern ein wenig an Moskau, nur mit deutlich weniger Menschen.



Was schön ist, will man natürlich festhalten. Das war allerdings wieder ein Fehler. Keine paar Sekunden später stand das Sicherheitspersonal neben uns und forderte uns auf, die Videos zu löschen und gab auch erst Ruhe, als wir das in ihrem Beisein getan haben.



Unser Ziel war zuallererst die Heydar-Moschee, eine der größten Moscheen in ganz Aserbaidschan. Von außen wirkt sie beeindruckend, in diesem sandfarbenen Ton, mit hohen Minaretten, die weit in den Himmel ragen. Vor dem Gebäude liegen hübsch angelegte Springbrunnen und über eine Rolltreppe gelangt man hinauf zum Eingang.



Im Inneren ist alles aus hellem, weißem Marmor gehalten. Die Atmosphäre wirkt ruhig. Der große Gebetsraum mit der hohen Kuppel steht vor allem den Männern zur Verfügung, während die Frauen im oberen Bereich einen deutlich kleineren Teil haben. Es war ein riesiges Spektakel, genau hier zum Freitagsgebet zu sein. Sobald der Muezzin die Gläubigen rief, strömten sie in Scharen herbei, fast wie kleine Ameisen. Und wer nicht in die Moschee ging, lief draußen über das Gelände, drehte seine Runden außen herum mit Handy und Zigarette in der Hand.



Wir standen an der Bushaltestelle und warteten auf den Bus. Plötzlich knallte es. Erst dachten wir, zwei Autos wären zusammengefahren. Aber nein. Ein Gullideckel hat sich einfach senkrecht gestellt und dabei ein Auto ordentlich demoliert. Wobei… das hatte vorher schon 5826 Beulen. Und in aserbaidschanischer Manier wurde kurz geschaut, ob die Stoßstange noch hält und dann einfach weitergefahren. Der Gullideckel blieb indessen einfach so stehen.



Sobald du aus der Glitzerwelt Bakus entschwindest, bist du wieder in einer völlig anderen Welt. Kanaldeckel werden aus der Straße gedrückt, die Lada-Dichte wird höher. Überall fahren sie mit oder ohne tonnenschweren Lasten auf dem Dach, wenn sie nicht gerade aufgebockt ohne Reifen am Straßenrand stehen.



Alles wirkt chaotisch, hektisch und unaufgeräumt. Hier kehrt niemand die Straßen. Hin und wieder fährt man an Ölförderfeldern vorbei und landet wieder in dieser tristen, kargen Welt, die von Pipelines durchzogen ist und die urbane Landschaft prägen. 



Der Bus preschte im Kamikaze-Stil durch die Förderanlagen, jede Kurve ein kleines Abenteuer. Man fragte sich schon zwischendurch, wie es hier eigentlich um den Elchtest der Fahrzeuge steht. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir dann an einem kleinen, aber ziemlich besonderen Naturschauspiel an: Yanar Dağ, dem brennenden Berg.



Hier tritt Gas aus dem Boden aus und brennt einfach dauerhaft. Flammen, die aus dem Hang schlagen, ohne dass jemand etwas dafür tun muss. Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, an denen man so etwas sehen kann. Dies lässt man sich übrigens mit sage und schreibe 7,50 Euro bezahlen, zumindest von Touristen. Einheimische kommen deutlich günstiger rein. Viel mehr als ein Foto zu machen oder sich kurz die Hände zu wärmen, passiert hier aber nicht. Wir fragten uns, ob das Feuer jeden Morgen mit einem Streichholz neu entfacht wird?



Also holten wir uns ein Eis und setzten uns auf die Tribüne, um andere Touristen zu beobachten. Besonders beeindruckend war eine Familie, wahrscheinlich aus Bangladesch oder Indien, mit ihren langen Gewändern. Wir haben eigentlich jeden Moment darauf gewartet, dass der Wind die Stoffe in die Flammen treibt und sie Feuer fangen. Das Schauspiel blieb zum Glück aus.



Wir sind zurück nach Baku gefahren und schließlich im Fəxri Xiyaban gelandet. Das ist so etwas wie die nationale Ehrenallee. Hier werden bedeutende Persönlichkeiten des Landes beigesetzt: Politiker, Künstler, Wissenschaftler. Wenn du hier begraben wirst, hast du es anscheinend geschafft im Leben.



Wir spazierten noch eine Runde über die Martyrs’ Lane und zur Ewigen Flamme, von der man heute einen wundervollen Ausblick über das Kaspische Meer hatte. Anschließend gingen wir vom Highland Park hinunter zum nächsten Coffee-Truck. Während wir auf unseren Cappuccino warteten, fragte uns der junge Mann hinter der Theke, ob wir aus Deutschland kommen. Und wie so oft sagte er uns genau das, was wir schon mehrfach gehört hatten: „Ich möchte auch nach Deutschland, eine Ausbildung machen.“



Das Verrückte daran: Das Wort Ausbildung wird hier tatsächlich auf Deutsch benutzt. Das duale System gibt es so gut wie nur in Deutschland und kaum irgendwo anders. Wahrscheinlich ist es genau deshalb so bekannt und wird auch so beworben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Er wollte Mechatroniker werden und besucht gerade einen Deutschkurs, um auf B2-Niveau zu kommen. Viel Erfolg.



Wir liefen ein letztes Mal durch die Altstadt. Verrückt, wir sind in einer circa 2,3 Millionen Metropole und man kennt uns. Immer wieder winken uns Leute, quatschen uns an, wie es uns geht und ob es uns hier gefällt, weil sie uns erkennen. Kann man sich das vorstellen? Wir sind Touristen unter vielen Touristen, aber tatsächlich gibt es kaum Menschen, die so aussehen wie wir.



Weil die meisten Touristen, die in etwa so aussehen wie wir, also ohne die ganzen Schönheitsoperationen, Russen sind, fallen wir dann doch durch unsere Sprache auf, weil wir mit den Menschen hier Englisch reden, teilweise sogar Deutsch. Baku ist also wie ein Dorf. Man grüßt sich über den Gartenzaun, winkt, quatscht, spricht über das Essen, übers Wetter. Wir fühlen uns wohl.



Was nicht so richtig zu unserem Wohlbefinden beiträgt, sind die wahnsinnigen Mengen an Essen, die hier im Restaurant nicht konsumiert, sondern bestellt werden. Gestern gingen unzählige Teller einer großen Familie scheinbar unangerührt wieder zurück in die Küche. Mitgenommen wird hier selten etwas.



Wir haben recherchiert. Es scheint vor allem mit Status und Wohlstand zu tun zu haben. Ein voller Tisch zeigt, dass man es sich leisten kann – und dass man großzügig ist. Lieber zu viel bestellen als zu wenig, damit niemand denkt, es würde an etwas fehlen. Was für eine Lebensmittelverschwendung, vor allem, wenn man über den bakuschen (Stadtgebiets-) Tellerrand blickt. 



Am Abend wandelte sich unsere Straße wieder in einen Laufsteg der Luxusautos mit ihren Beatboxen, sodass man selbst bei geschlossenem Fenster das Vibrieren der Bässe spürte und jeden einzelnen Text hätte mitsingen können, wenn man der aserbaidschanischen Sprache mächtig wäre. An Schlaf wird auch diese Nacht kaum zu denken sein. Bereits am frühen Morgen Rollern wieder die Tonnen der Reinigungskräfte über die Gehwege.



Wir sagen Tschüss, Baku! Du hast uns viel gelehrt. Allerdings üben wir uns mit unserem Fazit noch in Zurückhaltung, bis wir wieder zu Hause sind. Es gibt einiges zu berichten und zu überdenken.