Donnerstag, 9. April 2026

Aserbaidschan - die Schattenseite der Erdölindustrie …





Wir haben sehr gut in unserem alten, ehrwürdigen Hotel geschlafen. Endlich kein Straßenlärm, stattdessen Vogelgezwitscher im Innenhof und Sonne, fernab vom eisigen Wind der Küste des Kaspischen Meeres. Auch das Frühstück war hervorragend.




Nebenbei haben wir noch ein bisschen Migrationshilfe geleistet: Der Kellner im Hotel möchte unbedingt in Deutschland eine Ausbildung im Hotelgewerbe machen. Verrückt, denn eigentlich hat er einen Master im Bereich Wirtschaft. Dass Bewerbungen aus der Ferne schwierig sind, kennen wir zu gut. 



Wir liefen zum Bus, um zurück zum Bahnhof zu kommen. Das elektronische Bezahlsystem funktionierte zunächst nicht, also trat ich zur Seite, um die einsteigenden Fahrgäste nicht aufzuhalten. Kurzerhand hielt eine Frau ihre Karte zwei Mal an den Scanner. Als ich ihr das Geld bar geben wollte, lehnte sie dankend ab. Die Menschen hier sind wirklich verrückt, im besten Sinne. Im Übrigen fühlt man sich hier sehr, sehr sicher. An Diebstahl verschwendet man keine Sekunde seine Gedanken.



Der Zug war im Gegensatz zu gestern richtig schön leer. Dieses Mal saßen wir auf der anderen Seite, um auch diesen Teil von Aserbaidschan sehen zu können. Das Wetter war herrlich, und was sich dann offenbarte und uns gestern noch verborgen geblieben war, waren die schneebedeckten Berge des Kaukasus in der Ferne. Was für eine wundervolle Landschaft.



Als dann noch der Servierwagen mit heißem schwarzen Tee anrollte, war der Morgen perfekt. Übrigens: Zwei Stück Zucker reichen hier offenbar nicht. Uns wurde gleich eine ganze Handvoll dazugegeben.




Als wir aus der Region Baku kamen, die auf einer Halbinsel liegt, entwickelte sich die Landschaft rasend schnell in ein riesiges Ölfeld. Überall standen Förderanlagen inmitten karger Ebenen. Das wirklich Krasse waren die unzähligen Seen, die durch den Regen eine völlig überschwemmte Landschaft entstehen ließen. Doch das war nicht das eigentliche Problem: Diese Gewässer sind voller Rückstände der Erdölindustrie. Das gelb gefärbte Wasser wirkte unnatürlich und durch die Überschwemmungen auch um einfache Häuser herum.




Der Zug fuhr in Baku ein, und es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie Menschen ihn als Transportmittel nutzen und vor allem, was sie alles dabeihaben. Viele reisen mit großen Plastikbeuteln und Warenkisten, quer durchs Land, vom Westen bis in den Osten. Andere wiederum haben für diese vielen Stunden Fahrt kaum mehr dabei als eine Wasserflasche und eine Zigarette.



Das war uns schon auf der Hinfahrt aufgefallen, bei den beiden Männern, die uns gegenüber saßen. Schick gekleidet, fast wie auf Geschäftsreise fünf Stunden ins entfernte Ganja. Nur eines fehlte: irgendeine Tasche, irgendetwas, das darauf hindeutet, dass sie irgendwo übernachten würden.




Wir liefen los mit unseren Rucksäcken. In der Gegend gab es noch einiges zu entdecken, und so landeten wir zuerst auf einem großen Markt. Sofort wurden wir von allen Seiten auf Russisch bombardiert. Klar, die Händler wollen etwas verkaufen und am liebsten hätten sie gehabt, dass wir uns einmal komplett durch den Markt futtern. Gewürze, Tee, Süßigkeiten, Obst, eingelegtes Gemüse, soweit das Auge reicht.


Es gab auch eine Fischabteilung mit Kaviar. Wisst ihr eigentlich, wie gruselig abgezogene Störe aussehen? Ich weiß nicht, warum man ihnen an der Nase die Haut entfernt hat, aber hübsch war das wirklich nicht mehr. So unhübsch, dass ich nicht mal ein Foto davon hier reinstellen würde.



Übrigens: Im Innenraum war man heute am besten aufgehoben. Dieser Wind raubt dir hier wirklich alle Sinne. Die Böen waren so stark, dass man auf der Straße fast Angst hatte, vom herumfliegenden Müll erschlagen zu werden. Vorankommen war richtig schwierig.



Unser Ziel war das Heydar Aliyev Zentrum (Heydər Əliyev Mərkəzi), eine futuristische Kultur- und Ausstellungshalle, die sich hoch auf einem Hügel ergießt, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Gebäude kommt fast ohne Kanten aus und wirkt wie ein einziges fließendes, architektonisches Meisterwerk. Drinnen gab es verschiedene Ausstellungen, die wir uns spontan angesehen haben.



Unser Problem, nicht nur hier, sondern im ganzen Land: Wir sind das erste Mal auf Reisen völlig underdressed. Für uns zählt Funktionalität, Schichten, vorbereitet sein auf diese Hundekälte. Die Aserbaidschaner hingegen machen jeden Tag zu einem kleinen Laufsteg. Aber gut, dann müssen sie damit leben, dass wir so aussehen, wie wir aussehen.



Die Ausstellung war wirklich super, und von oben hatte man einen richtig coolen Blick in das große Atrium. Von dort aus ging es dann weiter durch die verschiedenen Ausstellungsräume. Sol Alejo bringt mit ihren bunten, verspielten Figuren und Lamas eine fast traumhafte, leicht absurde Welt ins Museum, die einen zum Schmunzeln bringt.



Ganz anders Carole Feuerman: Ihre Skulpturen von badenden Frauen sind so realistisch, dass man meint, neben echten Menschen zu stehen. Gillie and Marc setzen auf humorvolle, oft tierische Figuren, die verspielt wirken, aber gleichzeitig gesellschaftliche Themen transportieren. Und bei Luiz de Souza sorgen vor allem die Clown-Figuren für eine spannende Mischung – auf den ersten Blick fröhlich, aber mit einer nachdenklichen Note.



Wir machten uns schnell auf zum Bus, um hier nicht noch weggeweht zu werden, und fuhren in unsere neue Unterkunft in die Gegend rund um die Altstadt. Ein Mini-Hotel auf einer Etage. Man fühlt sich fast wie bei einer Familie wohnend. Einfach, aber gemütlich. Und auch hier wieder: außerordentlich nett.



Es wurde Zeit für Essen. Also landeten wir in den wunderschönen Kellergewölben des Dolma Restaurants, tranken wie jeden Tag schwarzen Tee und aßen Lamm mit Kastanien in Granatapfelsauce. Die aserbaidschanische Küche ist wirklich Wahnsinn und nach so vielen Ländern, die wir bereist haben, gehört sie ganz klar zu einer der besten.