Wir brachen zeitig auf, um zum Bahnhof zu fahren. Ein bisschen verrückt sind wir schon, einmal quer durch Aserbaidschan, nur wegen eines wunderschönen Bauwerks. Der Zug war brechend voll. Dadurch, dass wir durch Überschwemmungsgebiete der letzten Regentage fuhren, brauchten wir für 60 Kilometer ganze zwei Stunden. Eigentlich sollte die gesamte Fahrt über 300 Kilometer nur dreieinhalb Stunden dauern. Wir hatten zwischendurch das Gefühl, überhaupt nicht mehr anzukommen.
Landschaftlich zeigte sich Aserbaidschan genau so, wie man es erwartet hat: karg und weitläufig, irgendwo in der Ferne ein paar schroffe Felsen, dazwischen halb zerfallende Dörfer, wo ein paar alte Ladas rumkurven. Es hat lange gedauert, bis wir endlich mal die reguläre Geschwindigkeit von 120 km/h aufnehmen konnten.
Wenn man so durch die Landschaft fährt, würde man eigentlich erwarten, dass gleich eine Babuschka mit Pelmeni durch den Zug läuft, aber tatsächlich ist hier drin alles ziemlich modern. In diesem Stadler-Zug bekommst du Wasser, Waffeln, Croissants, Kaffee und Tee inklusive serviert, fast wie auf einer Kaffeefahrt. Nur das besagte Getränk war unterirdisch. Aber mit zwei Stück Zucker trinkt man selbst Lack. Und das Ganze für 8 Euro das Ticket.
Die Dichte der Straßenhunde nahm zu, genauso wie die Gas- und Ölförderanlagen. Landwirtschaft sah man kaum, nur ein paar Schafherden. Die Architektur auf dem Land wirkt überall ähnlich. Große Straßen mit Asphalt gibt es kaum.
Übrigens beträgt die Standzeit an den wenigen Zwischenstopps bis nach Ganja laut meiner Stoppuhr genau eine Minute zehn. Es ist jedes Mal ein kleines Spektakel: Plötzlich stürmen alle Männer aus dem Zug, zünden sich hastig eine Zigarette an und nach drei Zügen werden sie von der Schaffnerin schon wieder zurück in den Waggon gebeten.
Mit nur einer Stunde Verspätung landeten wir in einer völlig anderen Welt – in Ganja, Aserbaidschans zweitgrößter Stadt, für die wir einmal quer durchs Land gefahren sind. Westliche Autos und vor allem Elektroautos, wie man sie in Baku sieht, dominieren hier nicht das Straßenbild. Stattdessen fahren Moskwitsche und Ladas durch die Gegend. Straßen? Als solche kann man sie kaum bezeichnen. Gerade mal die Hauptstraße ist asphaltiert, der Rest geht irgendwann einfach in Sandwege über. Straßenhunde säumen das Stadtbild.
Die Menschen starren hier noch mehr als in Baku – dort war es dagegen fast ein Kinderspiel. Sie schauen uns an, als kämen wir vom Mars, wären grün und hätten fünf Augen im Gesicht. Hier verirren sich wahrscheinlich wirklich kaum Touristen hin. Das führte auch wieder dazu, dass kleine Jungs uns freudestrahlend entgegen liefen, winkten und uns begrüßten. Dies ist immer gut fürs Ego eines Lehrers, wenn Kinder sich freuen, dich zu sehen. Besser als bringen dich Menschen mit dem Führer in Verbindung. Dies passiert auch hin und wieder - so auch heute.
Es hat ein bisschen etwas von einer Kreuzfahrt: Wenn du in Baku landest, bist du im Grunde nur am größten Hafen des Landes. Es spiegelt kaum wider, wie Aserbaidschan wirklich ist. Willst du das echte Land erleben, musst du weiter ins Landesinnere – und dich nicht von der futuristischen Welt der Hauptstadt blenden lassen. Während man in Baku versucht, Fortschritt zu zeigen und zu etablieren, wirkt in Ganja alles völlig davon abgeschnitten. Den Charakter und die Seele des Landes findet man in diesem Land nicht in der Hauptstadt.
Wir sind also, nach China, das erste Mal wieder in einer völlig fremden Welt gelandet. Eine, in der man erstmal wieder herausfinden muss, wie hier eigentlich alles funktioniert: Kultur, Religion, Leben in einer Gesellschaft und so weiter.
Wir besuchen erstmal den nächsten Dönerimbiss. Die Verständigung klappt hier nur mit Händen und Füßen und tatsächlich kann man sein Russisch wieder rauskramen. Wenn man einmal anfängt zu sprechen, fallen plötzlich wieder viele Wörter ein, die man vor Jahren gelernt und längst wieder vergessen hatte.
Nach der kleinen Stärkung setzten wir uns in einen Stadtbus und fuhren ein paar Kilometer hinaus zu dem Bauwerk, das wir unbedingt sehen wollten und in das ich mich sofort verliebt habe: der Imamzadeh-Moschee-Komplex, eine der schönsten Moscheen des ganzen Landes.
Schon von weitem leuchten die türkisfarbenen Kacheln, die sich über Kuppeln und Fassaden ziehen. Überall feine Ornamente, geometrische Muster und verspielte Details, die im Licht fast schimmern. Die Wände wirken wie aus tausenden kleinen Mosaikstücken zusammengesetzt, jedes einzelne präzise und doch Teil eines großen Ganzen.
Der Bus warf uns vor einem mächtigen Eingangsportal raus, direkt vor dem Areal der Moschee und dem großen islamischen Friedhof. Überall lagen knuffige Straßenhunde herum. Besonders spektakulär war die Szenerie, als alte Ladas durch das türkisfarbene Eingangstor tuckerten, vollgepackt bis obenhin, die Achsen gefühlt kurz vorm Brechen.
Allein für diese unwirkliche Welt hat sich die fünfstündige Zugfahrt mehr als gelohnt. Die Moschee ist wirklich atemberaubend. Was aber fast genauso beeindruckt, sind die Menschen hier in Ganja, eigentlich in ganz Aserbaidschan. Wir standen vor der Moschee und spielten mit einem zutraulichen Straßenhund, als plötzlich zwei Frauen auf uns zukamen, eine Tüte öffneten und uns einfach Süßigkeiten schenkten.
Wir suchten unser Hotel am Hauptplatz der Stadt. Putzig war schon mal das Eingangsportal, rückversetzt in einem kleinen Innenhof. Was uns dann erwartete, wirkte auf den ersten Blick ziemlich russisch, was ja gar nicht so abwegig ist. Ein altes Gebäude, voller Geschichte. Irgendwie aber auch eine Kulisse für Horrorfilme, wenn man es genau nimmt.
Wenn man durch die Räume und den Innenhof wandelt, die kunstvollen Teppiche an den Wänden und auf dem Boden betrachtet und die alten Möbel, die wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten hier stehen, fühlt man sich auch hier plötzlich in einer völlig fremden Welt.
Wir zogen los, Ganja zu erkunden. An uns vorbei fuhren Ladas mit fetter Anlage und Musik im Kaukasus-Style. Das ist wirklich völlig anders als in der Hauptstadt. Während wir Menschen und Autos beobachten, beobachten die Menschen uns. So hat wenigstens jeder was davon. Problematisch ist nur, dass wir nicht hoffen, sie denken, wir würden Deutschland repräsentieren in unserem gammlig-funktionalen Reiselook.
So verwahrlost scheinen wir dann doch nicht auszusehen. Immer wieder sprachen uns Leute an, riefen uns ein „Hallo“ hinterher, wollten kurz quatschen, fragen, wo wir herkommen oder uns irgendetwas zeigen. Hier natürlich nur auf Russisch.
Am Anfang ist man trotzdem etwas distanziert. In Sri Lanka hätte dir längst jemand die hundertste Rupie aus dem Kreuz geleiert. Hier hat niemand solche Absichten. Sie sind einfach nur wahnsinnig gastfreundlich.
Wir gönnten uns einen Kaffee in einem der unzähligen kleinen Kiosken. Der aserbaidschanische Chai-Tee-Latte ist wirklich mit Vorsicht zu genießen. Er schmeckt köstlich, aber danach bist du Diabetiker und stirbst an einer Kardamom-Vergiftung. Die Auswirkung habe ich noch lange nachher gespürt.
Es ist wirklich total gemütlich in Ganja. Überall sieht man das Leben in der Stadt. Jugendliche spielen Ball auf öffentlichen Plätzen, am Flussufer gibt es ganze Spiele-Cafés und ältere Herren stehen in Fußgängerzonen und schieben sich irgendwelche Karten hin und her, während ein Hund am Straßenrand eine Matratze auseinandernimmt. Es ist wirklich schön, kurz Teil dieser Gemeinschaft zu sein, obwohl man hier völlig fremd ist.
Die Gemütlichkeit setzte sich im Stadtpark fort, der voller bunter Vogelhäuser hing. Daneben stehen alte, ehrwürdige und geschichtsträchtige Gebäude, abgewechselt von Sowjetbauten mit wundervollen gusseisernen Laternen. Und mittendrin große Spielplätze mit Plastikrutschen und Klettergerüsten. Eine irgendwie eigenartige Mischung.
Und noch etwas fällt auf: In Aserbaidschan darf wenigstens auf Spielplätzen noch ganz entspannt geraucht werden. Ironie Ende. iQOS gilt hier übrigens nicht wirklich als Rauchen, entsprechend sieht man die Leute auch im Einkaufszentrum oder in Cafés an ihren Geräten ziehen.
Etwas zu essen zu finden, das nicht Döner heißt, war am Abend gar nicht so einfach, zumindest, wenn man nicht in einem Laden landen wollte, der irgendwo in den Siebzigern stehen geblieben ist. Etwas wirklich Traditionelles aus der Region zu finden, erwies sich als überraschend schwierig. Es gab nur wenige Restaurants, die das überhaupt angeboten haben und noch weniger mit guten Bewertungen. Am Ende wurden wir zwar fündig, mussten uns aber einmal quer durch die Welt futtern: Auf der Speisekarte standen am Ende doch wieder nur Pizza und Pasta.
















































